primärtherapie (der ur-schrei)

Der amerikanische Sozialarbeiter Arthur Janov (*1924) hatte Ende der 1960er Jahre — mehr oder minder zufällig — bei einem von ihm in der Psychiatrie betreuten Patienten eine verblüffende Beobachtung gemacht. Alleine die Aufforderung, nach seinen Eltern zu rufen, ließ ihn wimmernd zu Boden sinken: “Plötzlich wand er sich gequält auf dem Boden. Sein Atem ging schnell und stoßweise: ,Mama, Pappa!‘ tönte es in lauten Schreien fast unfreiwillig aus seinem Mund. Er schien sich in einem Koma oder hypnotischen Zustand zu befinden. Sein Winden ging in kleine Zuckungen über, und schließlich stieß er einen durchdringenden, todesähnlichen Schrei aus. (…) Das ganze Vorkommnis dauerte nur wenige Minuten. (…) Alles, was er hinterher sagen konnte, war: “Ich habe es geschafft! Ich weiß nicht was, aber ich kann fühlen!” Janov, der ähnlich “primäre“ Verläufe auch bei anderen Patienten beobachten konnte, entwickelte in der Folge ein therapeutisches System — er nannte es Primal Therapy — mit dazu passendem theoretischem Überbau (für den er sich sehr frei bei den Arbeiten Wilhelm Reichs und Sandor Ferenczis bediente, die lange vorher schon mit kathartisch herbeigeführten “Primärerlebnissen“ experimentiert hatten). Seine Bücher avancierten weltweit zu ungeahnten Bestsellern – vermutlich haben mehr Menschen den Urschrei gelesen als irgendein anderes Buch über Psychotherapie —, Primärtherapie wurde zur Modetherapie der 1970er Jahre. John Lennon und Yoko Ono gehörten zur ersten Generation von Primärklientel und machten Janovs Arbeit entsprechend populär.
Die theoretischen Grundlagen der Primärtherapie ähneln sehr der Neurosenlehre der frühen Psychoanalyse. Freud hatte zu Beginn seiner Arbeit die Auffassung vertreten, der Neurotiker leide in erster Linie an verdrängten Erinnerungen an traumatische Erlebnisse aus seiner Kindheit (Schmerz, Angst, Gefühl der Verlassenheit etc.). Diese unverarbeiteten Erlebnisse seien im Unbewußten nach wie vor gegenwärtig und äußerten sich in einer Vielzahl neuretischer Symptome. Janov vereinfachte dieses Konzept und erweiterte es um die Annahme, daß nicht nur frühkindliche Traumata den Menschen entscheidend prägten, sondern vor allem Traumata peri- und pränataler Art; gemeint sind damit körperliche und psychobiologische Beeinträchtigungen, die zwischen Empfängnis und der ersten Zeit nach der Geburt auf den Fötus einwirkten. Janov geht davon aus, daß der Fötus ab dem Zeitpunkt der Empfängnis über eine Art Bewußtseinsspeicher verfüge, in dem sämtliche traumatischen Erfahrungen festgehalten würden (er will sogar die Gehirnregion ausfindig gemacht haben, in der dieser Speicher seinen Sitz habe). Je früher solche Erfahrungen gemacht würden, desto einschneidender wirkten sie sich auf die weitere Entwicklung aus. Zu den Traumatisierungen des Fötus – von leichter Reizung bis zu echter Schädigung – zählt neben Krankheit oder Drogenkonsum (Zigaretten/Alkohol/Medikamente) der Mutter etwa auch die Erhöhung der adrenalinen Alkaloide, wie sie bei Streß oder Angst in den Blutkreislauf gelangen. In erster Linie aber geht es um “psychische“ Traumata, bedingt durch bewußte oder unbewußte Ablehnung des Fötus seitens der Mutter, die sich auf psychobiologischem Wege auf diesen übertrage. Die Nicht-Befriedigung oder Frustration primärer Bedürfnisse, vor allem des Bedürfnisses nach bedingungsloser Annahme und Liebe, ließen im Körper eine Art Urschmerz zurück, der den Organismus von seiner potentiellen Lebensbahn abdränge und zu neurotischen Störungen und Erkrankungen führe. Dieser Urschmerz müsse erinnert und noch einmal durchlebt werden, so daß sich in kathartischen Entladungen – dem Urschrei -der Weg zum “wahren Selbst“ eröffne.
aus : http://www.agpf.de/Primaertherapie.htm
englische übersetzung http://knol.google.com/k/kalle-schwarz/-/1m7f8ad2dgh39/96#


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