primärtherapie II

Ich habe aber eine Erklärung anzubieten, warum die Teilnehmer an Primärtherapien und ihre Therapeuten die offensichtlichen, ja grotesk offensichtlichen negativen Folgen ihres Tuns nicht mehr wahrnehmen. (Erklärt werden muß eine solche Blindheit sicherlich.) Der Grund ist im Prinzip derselbe, den ich dafür genannt habe, daß in Denver sogar trotz des Glaubens an die Wirkungslosigkeit der Pnmärerlebnisse an dieser Therapie festgehalten wird. Die negativen Folgen werden — wie die Hohlheit der ursprünglichen Versprechungen — zwar gesehen, aber die Bindung an die Ideologie fängt alle Enttäuschungen auf. Die zunehmende Empfindlichkeit Belastungen gegenüber und die geringer werdende Streßtoleranz werden damit erklärt, daß man nach längerer Primärtherapie “naher an seinen wirklichen Gefühlen“ und “offen“ sei. Der Verlust an Lebenstüchtigkeit wird aufgewogen durch einen scheinbaren Gewinn an “Bewußtsein“, oder anders ausgedrückt: nach seinem Glauben hat man “recht“ damit, aggressiv oder depressiv auf diese neurotische Welt zu reagieren. Das gegenwärtige Leben und die Kindheit sind so schreck-
lich und so schwer zu ertragen, daß nur ständige Abwehr die anderen Menschen dafür blind machen kann. (Diese Haltung wird ganz unabhängig davon eingenommen, ob das gegenwärtige Leben oder die Kindheit wirklich schrecklich waren oder nicht.)
Auch hierzu sei ein Beispiel berichtet: Ich kenne eine Frau, deren vorher gute Ehe durch die Primärtherapie zerbrach, die ihren Beruf aufgab und heute nicht imstande ist, mehr als zwei bis drei Stunden pro Tag zu arbeiten. Sie hat die meisten der persönlichen Beziehungen, die vor der Therapie bestanden, inzwischen abgebrochen, sucht dabei aber ständig weiter Primärerlebnisse und setzt ihre “Therapie“ noch immer fort. Diese Frau gibt an, sie habe durch ihre Primärtherapie nichts verloren, was des Behaltens wert gewesen sei. Der Gewinn an “Fühlen“ und “Bewußtsein“, den sie zuhabenglaubt, wird von ihr höher eingestuft als der Verlust von Ehe und Beruf, ja als der Verlust des körperlichen Wohlbefindens (sie litt vor der Therapie nicht an psychosomatischen Symptomen). Zu diesem Fall drängt sich mir ein Bild auf, das ich, obwohl dieses Stilmittel in empirischen Darstellungen sonst nicht üblich ist, hier wiedergeben will: Diese Frau wirkt auf mich wie die Mannschaft eines Segelschiffes, die Masten und Ruder selbst abbricht und ins Meer wirft. Danach läßt das Schiff sich weder steuern noch kann es Fahrt machen, es ist vom Zufall der Winde und Meeresströmungen abhängig. Die Besatzung hält gerade diese Abhängigkeit aber für einen besonderen Vorteil, da sie nun ja viel enger mit Wind und Meer verbunden ist als zuvor. Den voll ausgerüsteten Schiffen, die sich durch Kreuzenundgeschicktes Steuerngegen Wind und Strömung durchsetzen, fühlt sie sich überlegen, da sie diese Souveränität als “unnatürlich“ betrachtet. Fälschlich nimmt die Mannschaft auch an, die Mannschaften der anderen Schiffe wüßten nicht, woher die Winde wehen und wie die Strömungen verlaufen, da sie ihnen nicht willenlos folgen. Das Schiff hat — um das Bild wieder zu verlassen — die höchstmögliche “Empfindlichkeit“ erreicht, denn es ist jedem äußeren Einfluß ausgeliefert. Früher oder später wird es untergehen. Auch außerhalb des Bildes ist es so, daß große Empfindlichkeit lediglich Abhängigkeit von selbstproduzierten und von außen induzierten Emotionen mit sich bringt. Die Annahme, souveräne und innerlich freie Menschen würden die Emotionen, denen sie sich nicht ausliefern, darum nicht wahrnehmen, ist eine für die Primärtherapie typische Illusion. Das Gegenteil trifft zu: Ein innerlich freier, ruhiger Mensch verfügt über ein reicheres, nicht über ein ärmeres Gefühlsleben als der emotionsabhängige, mit sich und der Welt zerfallene.

Ob wissenschaftliche Darstellung oder metaphorisches Bild — ich weiß sehr gut, daß die bedingungslosen Anhänger der Primärtherapie nicht überzeugt werden können. Auch die Frau des beschriebenen Beispiels ließ ein offenes Gespräch über ihre tatsächliche Lage nicht zu. Wenn ich den Eindruck erweckt habe, als würde ich solchen Menschen gegenüber eine bittere oder gar verächtliche Haltung einnehmen, so muß ich dies korrigieren. Ich habe keinerlei Grund zu einer solchen Haltung, denn ich erinnere mich gut, daß, während ich selbst versuchte, aus den Irrungen und Wirrungen der Primärtherapie eine sinnvolle Form der Psychotherapie zu destillieren, grundsätzliche Einwände von mir nicht beachtet wurden. Man sollte, wenn man es kann, in jedem Fall dieser Art das Leiden sehen, das verborgen hinter der starren Haltung steht. Auch wenn man den leidenden Menschen nicht erreichen kann, wird man ihn dann doch nicht verachten.

Am Schluß dieser Darstellung der negativen Folgen einer längeren Primärtherapie muß ich noch das Phänomen der Abhängigkeit besprechen, das schon einige Male angedeutet wurde. In allen mir bekannten Institutionen, die Primärtherapie betreiben, gibt es eine Erscheinung, die als “primal addiction“ (Primärtherapiesucht) bezeichnet wird. (Dies gilt, wenn die Erscheinung nicht durch entsprechende Zeitbegrenzungen oder ähnliches künstlich verhindert wird.) Diese Primärtherapiesucht ist eine Sonderform der bekannten “therapy addiction“ oder Therapiesucht, die im subkulturellen Jargon der USA als “psycho-trip“ bezeichnet wird. Im Fall der “primal addiction‘< verbringen die Teilnehmer jahrelang einige Stunden pro Tag mit “Fühlen“, das heißt mit Primärerlebnissen, oder mit dem Versuch, solche zu erreichen. Dabei produzieren sie ständig dieselben Verhaltens- und Erlebensmuster, sind aber typischerweise fest überzeugt, besonders sensitiv und fortgeschritten zu sein. Das Besondere der Primärtherapiesucht gegenüber anderen Formen des PsychoTrips ist, daß die Abhängigkeit eine deutliche körperliche Komponente hat, oder anders ausgedrückt: Im Extrem kommt es nicht nur zu einer psychischen, sondern zu einer physischen Abhängigkeit ganz ähnlich der Drogensucht. Wird jedes Primärerlebnis verhindert, entstehen typische Entzugssymptome, zum Beispiel Bewegungsunruhe, depressive Gefühle, Instabilität der Stimmung und so weiter. Solche körperliche Abhängigkeit kann wohl nur im Fall der Primärtherapie auftreten.

In der Tat begleitet eine gewisse, mehr oder weniger starke Abhängigkeit fast jede Primärtherapie. Handelt es sich um eine Abhängigkeit
von der Ideologie, kann man von einer psychischen Form sprechen. Handelt es sich mehr um eine Abhängigkeit vom körperlich-hormonellen Verlauf des Primärerlebnisses, muß man dies als echte Suchtkrankheit auffassen. Zwischen diesen beiden Polen, der körperlichen Sucht und dem Sektierertum, liegt die Abhängigkeit, die sich bei jedem einzelnen Menschen einstellt, der eine längere Zeit in einer Primärtherapie verbringt. Wie diese Abhängigkeit aussehen wird, das liegt an der Persönlichkeit, die der Teilnehmer mitbringt, und an dem Grad der Ideologisierung, der in der Institution herrscht. Zwischen den beiden Polen kommen alle denkbaren Formen auch wirklich vor.

Der Inhalt dieses Kapitels sei nun noch einmal kurz zusammengefaßt: Die erste Gefahr, die von der Primärtherapie ausgeht, liegt im sektiererischen Charakter der von Janov begründeten und von anderen Primärtherapeuten übernommenen Ideologie. Das Primärerlebnis als solches hat auch positive Effekte, die besonders im Bereich von Gefühlsverarmung und Überintellektualität wirksam sind. Daneben werden “hypertonische“ psychosomatische Symptome gebessert. Die Gefahren des Primärerlebnisses zeigen sich — entgegen den positiven Effekten, die kurzfristig auftreten — erst nach längerer Zeit. Sie bestehen hauptsächlich in einer allgemeinen Verschiebung des emotionalen Gleichgewichts hin zur depressiven oder aversiven Seite sowie in einem allgemeinen Verlust an Spannkraft und Konzentrationsfähigkeit. Als mittelbare Folgen lassen sich zunehmende Lebensuntüchtigkeit und ein Rückzug ins Innere beobachten. Fast stets bildet sich eine gewisse, im schlimmsten Fall suchtartige Abhängigkeit aus, die entweder ideologisch-sektiererischen oder körperlichen Charakter hat.

aus : http://www.agpf.de/Primaertherapie.htm


primartherapie (der ur-schrei) <

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